Paris – Brest – Paris

Montag 18.08.2003 20:00 Uhr: Start in Saint-Quentin-En-Yvelines

Endlich ist es soweit. Pünktlich um 20:00 Uhr wird der Startschuß zum 15. Rennen Paris Brest Paris über offiziell 1225 Kilometer gegeben. Die erste Startgruppe mit über 1000 Startern wird vor hunderten von Zuschauern auf die Strecke geschickt. Ich bin, Gott sei Dank im vorderen Startblock, neben Stefan Lau, RAAM Finisher 2002 und bis dato bester Deutscher, dabei. Mein Start war bis zur letzten Minute sehr fraglich. Am Sonntag bei der Anreise habe ich mir eine leichte Erkältung zugezogen. Ein Kratzen im Hals und ein leichter Schnupfen machen mir zu schaffen. Die ganze Saison , inclusive Winter, hatte ich keinerlei Probleme. Weder mit Verletzungen noch mit einer Erkältung. Als ich am Montagmorgen aufwache, geht es mir nicht sehr gut. Das einzige Gute ist, daß ich keinen Kraftverlust spüre. Ich entschließe, eine halbe Stunde Rad zu fahren und dann die Entscheidung zu treffen. Das Rennen ist gestartet und ich bin dabei. Die Anfangsphase ist sehr hektisch. Das Feld fährt in einem Tempo los, als wäre es bei einem 120 Km Rennen und nicht bei 1225Km. Schnell merke ich, wo die beste Position im Feld ist. Nämlich vorne unter den Ersten. Da muß man zwar auch mal Führungsarbeit leisten, hat jedoch den großen Vorteil, ein gleichmäßigeres, hohes Tempo fahren zu können.Weiter hinten ist es viel hektischer und gefährlicher. Es geht flott voran. Nach 52 Kilometern gehe ich zum ersten mal allein an die Spitze. Es ist ein irrsinniges Gefühl, wenn man nach hinten schaut. Da es mittlerweile dunkel ist, sieht man hunderte von Scheinwerfer der Räder wie Glühwürmchen in der Nacht. Das Geräusch der sich drehenden Ketten, der einzigartige Klang der rollenden Räder auf den teilweise sehr schlechten, da rauhen und mit Schlaglöchern versehenen französischen Straßen, prägen sich mir ein. Bei einer Geschwindigkeit von 45 Km/Std. jagen wir durch die Nacht, unserer ersten Verpflegungsstation entgegen.

0:20 Uhr: Mortagne Au Perche KM 141 Abschnitt 141 Km Zeit 4 Std.20 Min.

In diesem, nach einem langen Anstieg liegenden Ort, fällt bereits eine gewisse Vorentscheidung des Rennens. Stefan und ich machen halt, um uns verpflegen zu lassen. Mein langjähriger Freund Hans Schulz, er wird auch beim RAAM dabei sein, und meine Frau Eva begleiten und unterstützen uns. In Mortagne ist keine Kontrolle sondern nur eine Verpflegungsstation.Viele Fahrer werden durch Anreichen von Beuteln während der Fahrt verpflegt.Wir verlieren natürlich wertvolle Zeit, die nicht mehr einzuholen ist. Durch aggressives Fahren und stetiges Wechseln an der Spitze, gelingt es Stefan und mir, Fahrer um Fahrer einzuholen. Bis zur nächsten Kontrolle bei Km 223 haben wir es geschafft, im 2. Feld, bis auf 8 Minuten auf die Spitze aufzufahren.

2:55 Uhr: Villaines la Juhel Km 223 Abschnitt 82 Km, Zeit 2 Std.35 Min.

Einfahrt in die Kontrollstation. Hektik pur. Runter vom Rad. Registrieren lassen. Zum Auto laufen. Verpflegen und weiter geht es. Wir lassen uns bei der Verpflegung etwas mehr Zeit um genügend zu essen. Holen dies in der Regel wieder schnell auf. Auf dem folgenden Abschnitt finden wir eine Gruppe, in der niemand so richtig Führungsarbeit übernehmen will.

6:10 Uhr: Fougeres Km 311 Abschnitt 88 Km Zeit 3 Std.5 Min.

Der Ablauf in allen Kontrollstellen ist immer derselbe. Registrieren lassen, Radflaschen wechseln, verpflegen und weiter geht’s. Hans und Eva, die auf einem anderen Weg wie wir an die Kontrollstellen fahren müssen, haben alles bestens vorbereitet. Wir haben mittlerweile 25 Minuten auf die Spitze verloren.

8:10 Uhr: Tintiniac Km 366 Abschnitt 55 Km Zeit 2 Stunden

Unser Abstand zur Spitze hat sich diesmal nur leicht verschlechtert. Er beträgt 31 Minuten. Im Gegensatz zu uns, macht die Spitzengruppe gar keine Pause und läßt sich nach wie vor von ihren Betreuern das Essen in Beuteln reichen. Gegessen wird auf dem Rad. Bei mir stellen sich erstmalig leichte Probleme am Gesäß ein. Ich wechsele die Hose und creme alles gut ein. Auf dem letzten Abschnitt gibt es einen Sturz in unserer Gruppe. Stefan und ich haben Glück, nicht verwickelt zu sein. Offensichtlich ist auch nichts Schlimmeres passiert.

11:10 Uhr: Laudeac Km 452 Abschnitt 86 Km Zeit 3 Std.

Rückstand zur Spitze 40 Minuten. Sitzprobleme nehmen zu.Von meiner Erkältung merke ich in diesem Moment nichts. Mein Immunsystem hat zur Zeit alles im Griff.

14:05 Uhr: Carhaix-Plouguer Km 529 Abschnitt 77 Km Zeit 2 Std. 55 Min.

In Eva’s Notizen finde ich die Bemerkung ” Peter’s Arscherl ist kaputt, braucht viel Schmiere” Damit hat sie absolut recht. Meine Sitzprobleme werden von Minute zu Minute schlimmer. Dafür funktioniert meine Verdauung. Ich war bis jetzt an jeder Station auf der Toilette. Der morgentliche Stuhlgang bleibt auch nicht aus. Auf diesem Streckenabschnitt sind uns 2 Redakteure von der Zeitschrift Tour begegnet, die über das Rennen berichten. Nach kurzer Unterhaltung werden wir fotografiert. In der nächsten Tour sollten diese Bilder zu sehen sein.

17:30 Uhr. Brest Km 615 Abschnitt 86 Km Zeit 3 Std. 25 min.

Die Hälfte ist geschafft. In 21,5 Stunden haben wir 5400 Höhenmeter bis Brest bewältigt. Meine Hochrechnung ergibt für den Zieleinlauf eine Zeit, die deutlich unter 50 Stunden liegt. Nur gut, daß wir Menschen nicht in die Zukunft sehen können. . Wir fahren mit einer grösseren Gruppe, die uns kurz vor Brest eingeholt hat, in die Kontrollstation. Eva und Hans haben einen Höllenritt hinter sich. Durch die wirklich katastrophale Streckenbeschreibung sind sie erst in letzter Minute an der Station angekommen. Sie sind ziemlich geschafft. Nach der üblichen Prozedur, machen Stefan und ich uns auf den Rückweg. Nach 7,5 Kilometern dreht sich mein Hinterrad kaum noch. Ich habe einen Lagerfresser. Nichts geht mehr. Unser Auto ist mittlerweile schon 30 Kilometer auf dem Rückweg, als sie der Hilferuf per Handy erreicht. Glücklicherweise habe ich einen Laufradsatz als Ersatz mitgenommen. Diese Panne kostet uns 1,15 Stunden. Als richtige Pause können wir die Zeit auch nicht nutzen, da kein geeignetes Plätzchen im Schatten zu finden ist. Wir befinden uns noch in einem Vorort von Brest.

21:45 Uhr Carhaix-Plougeur Km 696 Abschnitt 81 Km Zeit 4 Std. 15 Min.

Wir haben für 86 Kilometer 4 Stunden 15 Minuten gebraucht. Trotzdem sind wir guter Dinge unser Ziel, Paris, unter 50 Stunden zu erreichen. Beide sind wir kräftemäßig voll da. Nach der Panne sind wir den Rest der Strecke in einem 31er Schnitt gefahren.

2:30 Uhr: Laudeac Km 773 Abschnitt 77 Km Zeit 4 Std. 45 Min.

Mittlerweile ist es wieder dunkel geworden. Auf diesem Abschnitt kommt es für uns knüppeldick. Für die 77 Kilometer brauchen wir 4 Stunden und 45 Minuten. Kurz hinter Carhaix-Plougeur hat Stefan Probleme. Seine Müdigkeit wird so groß, daß wir eine Pause einlegen müßen. Nach ca. 15 Minuten geht es weiter. Die Pause ist jedoch zu kurz. In einem kleinen Ort legen wir uns auf zwei Bänke. Nach ca. 15 Minuten fahren wir weiter. Es ist mittlerweile bitter kalt geworden (7 Grad ). Zu allem Überfluß haben wir uns dann auch noch verfahren. Als wir dann endlich in Laudeac angekommen sind müssen wir eine zusätzliche Schlafpause von 45 Minuten einlegen. Um 3 Uhr und 45 Minuten fahren wir weiter. Glücklicherweise können wir uns einer Gruppe Franzosen anschließen. Die Pause hat mir nicht gut getan. In der ersten halben Stunde habe ich Probleme die Augen offen zu halten. Mein Kreislauf ist anscheinend abgesackt. Die Kälte und das recht zügige Tempo in der Gruppe helfen mir über diese Phase. Stefan hat die Pause sehr gut getan. Er fährt wieder wie gewohnt, gut.

7:45 Uhr: Tintiniac Km 859 Abschnitt 86 Km Zeit 5 Std. 15 Min.

Mittlerweile ist es wieder hell geworden. Die Nacht, die uns sehr viel Zeit gekostet hatte, ist endlich vorbei. Die Morgensonne scheint von einem wolkenlosem Himmel. Sie weckt unsere Lebensgeister und gibt uns Energie. Die letzte Etappe sind wir in einer größeren Gruppe gefahren. Dass wir wieder auf hohem Niveau fahren ,zeigt unter anderem die Tatsache, daß wir die 5 Minuten Zeitverlust, hervorgerufen durch Stefans Platten, wieder zufahren können. Geholfen hat uns auch Paul, ein Franzose, den wir bei unseren 300 und 400 Brevets in Mühlhausen kennengelernt haben.

10:10 Uhr Fougeres Km 914 Abschnitt 55 Km Zeit 2 Std. 25 Min.

Auf den letzten Kilometern haben wir uns mit 2 Franzosen und Thomas Stindl, einem Österreicher, zu einer Gruppe zusammengefunden und können durch stetiges Wechseln an der Spitze ein recht gutes Tempo fahren. Stefan und ich müßen jedoch die meiste Führungsarbeit leisten. Die Anderen verstecken sich doch lieber im Windschatten.

13:35 Uhr Villaine la Juhel Km 1002 Abschnitt 88 Km Zeit 3 Std .25 Min.

Inclusive Verpflegungspause haben wir die letzen 88 Kilometer in 3 Stunden und 25 Minuten zurückgelegt. Die 1000 Kilometermarke ist geschafft. Bei Stefan und mir läuft es sehr gut. Stefan hat sich sehr gut von seiner Schwächephase der Nacht erholt. Eva und Hans machen weiterhin hervorragende Arbeit. Uns fehlt es an nichts.

17:05 Uhr Mortagne au Perche KM 1084 Abschnitt 82 Km Zeit 3 Std. 30 Min.

Nach der Verpflegungspause, es ist die letzte vor Paris, fahren wir allein auf die Strecke. Dieser Abschnitt bis zur letzten Kontrolle in Nogent le Roi begnnt mit 3 knackigen Anstiegen und entsprechenden Abfahrten, bevor wir dann auf ein Hochplateau kommen. Dies ist der einzige Streckenabschnitt der ca. 30 Kilometer relativ flach verläuft. Zu unserem großen Bedauern hat der Wind, der bei der Hinfahrt aus Westen kam, gedreht. Er bläst uns nun mit aller Kraft entgegen. Anfangs läuft alles noch perfekt. Wir wechseln uns ständig an der Spitze ab. Vor und hinter uns ist weit und breit niemand zu sehen. Jetzt bei Kilometer 1100 kommt für mich die härteste Zeit des Rennens. Mein Hintern ist mittlerweile total wund und großflächig offen. Wenn ich in den Wiegetritt gehe, löst sich die angeklebte und blutverschmierte Hose. Beim Hinsetzen habe ich das Gefühl, mich auf ein Nadelkissen zu setzen. Meine Erkältung meldet sich zurück. Beim Husten brennt es im Brustkorb. Beide Handgelenke schmerzen. Mein ganzer Körper fühlt sich wie ein einziger, roher Fleischklumpen an. Stefan fährt einige hundert Meter vor mir und hilft mir dadurch indirekt, diese schwierige Phase zu überstehen. Als die Wirkung der eingenommenen Aspirin sich etwas bemerkbar macht und die letzte Kontrollstelle nur noch einige Kilometer entfernt ist, kann ich wieder zu Stefan aufschließen.

20:50 Uhr Nogent le Roi Km 1167 Letzter Abschnitt 83 Km Zeit 3 Std.45 Min.

Noch 58 Kilometer bis zum Ziel. Hier treffen wir nochmals auf 2 Fahrer, einen Franzosen und Thomas Stindl, aus der Gruppe, mit der wir längere Zeit unterwegs waren. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg. Was sind schon 58 mickrige Kilometer. Zuhause steige ich dafür erst gar nicht auf’s Rad. Jede Pedalumdrehung bringt uns dem Ziel näher. Nicht das es mir an Kraft fehlt. Es sind die Schmerzen beim Sitzen, die das Ganze zur Qual werden lasen. Da der Schmerz konstant da ist und mir auch keine andere Wahl bleibt, akzeptiere ich ihn. Von dem Moment an läuft es wieder besser. Es ist kaum zu glauben, was der menschliche Körper in der Lage ist zu leisten. Die Qualität der Leistung ist das Resultat des Willens. Die letzten Kilometer bis in’s Ziel, werden nochmals richtig schnell gefahren. Ich kann mich zeitweise einige 100 Meter von den Anderen absetzen. Auf Dauer hat man als Einzelner gegen eine Gruppe keine Chance.Weitere Attacken von Stefan und mir, Tom und dem Franzosen wegzufahren, bleiben erfolglos. Führt doch optimales Windschattenfahren zu bis zu 30% Kraftersparnis. Trappes ist erreicht. Noch ca. 5 Kilometrer bis in’s Ziel. Plötzlich sind noch 3 andere Fahrer bei uns. Keiner weiß, woher sie kommen. Der letzte Sprint beginnt. Wer es nicht weiß, hätte es nicht geglaubt. Auch ich bin überrascht, nach über 1200 Kilometern noch so einen Endspurt hinlegen zu können. Rote Ampeln werden überfahren, stehende Autos umkurvt .Dann ist es geschafft. Nach 51 Stunden und 8 Sekunden wird mein Chip durch den Leser gezogen. Als 49. bin ich im Ziel. Ziemlich müde und glücklich, nehme ich die Glückwünsche von Eva und Hans entgegen.Unser Ziel unter 50 Stunden haben wir aufgrund meines Raddefekts in Brest nicht geschafft. Zusammen mit Stefan bin ich zweitbester Deutscher von 202 gestarteten.

Der Beste war 56 Minuten vor uns. 49. Platz im Gesamtklassement von 4176 Fahrern ist ein Ergebnis mit dem ich sehr zufrieden bin. Es war der letzte große Test vor meiner größten, sportlichen Herausforderung, dem ” RAAM ” Ich habe eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Ich hatte in der zweiten Nacht keinerlei Probleme. Weder mit der Kraft, noch mit der Müdigkeit. Ich hätte ohne Schlafpause durchfahren können. Eine Erkenntnis, die ich in der Startphase beim RAAM nutzen werde.

Ich möchte nochmals meinen beiden Helfern, Eva und Hans ganz herzlich für Ihren Einsatz und die tolle Unterstützung danken. Ohne Euch hätte ich die Sache nicht so gut überstanden. Danke.




“Der Mensch begrenzt sich selbst” ” Deine Gedanken sind der Leitstrahl zu Deinem Glück” Wieder einmal haben mir diese meine Leitsprüche zu einem großen sportlichen Erfolg verholfen.


Verpflegung:

4 Riegel
4 Käsebrötchen
4 Salamibrötchen
7 Nudelsuppen
6 Croissants
Portion Kartoffelsalat
10 Power Gel
Melone
diverse Kekse
Jede Menge Pfirsichringe
3 Eiweißdrinks
8 Liter Apfelsaft
8 Liter Früchtetee von Xenofit
3 Liter Competition von Xenofit
3 Liter Cola
1 Liter Wasser

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Eine Antwort auf Paris – Brest – Paris

  1. Karsten Schneider sagt:

    Sehr geehrter Herr Holy,

    ich habe zusammen mit Stefan Lau in Trier studiert.
    Können Sie mir seine aktuelle E-Mail Adresse übermitteln? Sie ist bei mir leider verloren gegangen.
    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen
    Karsten Schneider aus Meerbusch

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