Race across America 2004

1 Million Umdrehungen, zwischen Leidenschaft und Leiden.

Bericht eines denkwürdigen Rennens

Montag, 28.06. 2004

Start in San DiegoWir sind im Motorhome in der Nähe von Indianapolis. Normalerweise sollte ich kurz vor der Staatsgrenze nach West Virginia, der Timestation (TS) 44 sein. Ich auf dem Rad und mein Team im Pacecar b.z.w. Motorhome bei oder vor mir. Die Voraussetzungen bis zur Anreise am 05.06. nach San Diego waren optimal. Meine gesamte Trainingsvorbereitung verlief reibungslos. In San Diego begann dann der Leidensweg. 2 Tage nach der Ankunft meldete sich eine hartnäckige Bronchitis. Nachdem 5 Tage keine Besserung zu erkennen war, ging ich ins Krankenhaus. Die Einnahme von Antibiotika war notwendig. Keine gute Voraussetzung,um solch ein Rennen in Angriff zu nehmen. Am Sonntag um 7:00 Uhr Ortszeit San Diego, bin ich denoch ,voller Optimismus, am Start. Nach den letzten offiziellen Worten wird das Rennen um 7:10 Uhr gestartet. 19 Einzelfahrer machen sich auf die 4800 Kilometer lange Strecke von San Diego nach Atlantic City. 3 Zeitzonen, 14 Staaten. 35000 Höhenmeter, Temperaturunterschiede von 43 bis 2 Grad warten auf uns.

Die erste TS ist nach 52,5 Meilen erreicht. Mit 1850 Höhenmetern ist dies eines der schwersten Teilstücke des gesamten Rennens. Beim Start ist es bewölkt und die Temperaturen mit 15 Grad Celsius eher etwas kühl. Nun, auf dem Teilstück nach El Centro,in der Wüste Californiens, werden die Wetterbedingungen trockener und heisser. Nach ca.160 KM müssen wir zum ersten Mal auf den Highway. Auf der Abfahrt zum tiefsten Punkt des Rennes auf ca. 30 Meter unter Meeresspiegel, spüre ich die ständig steigenden Temperaturen. Unten angekommen sind 42 Grad Celsius erreicht. Ich fühle mich, wie ein Brot im Backofen. Das Rennen beginnt.

Trinken, trinken und nochmals trinken. Die Landschaft ist öde und flach. Alles verbrannt von der unbarmherzig brennenden Sonne. Kein Schatten weit und breit. Ich lege mir ein nasses T-Shirt auf den Kopf, um einigermassen gekühlt zu werden. Die Strasse ist katastrophal. Im Roadbook steht „ schlechter Strassenbelag auf der gesamten Strecke.“ Meile für Meile geht es durch das öde Land, begleitet von unserer deutschen Filmcrew. Die Füsse brennen wie Feuer. Du musst mehr trinken, kommt der Hinweis aus dem Pacecar. Plötzlich merke ich, dass ich nichts mehr trinken kann. Nach jedem Schluck kommt es mir hoch. Ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Was ist passiert? Ich kann es mir im Moment nicht erklären. Nach einigen Meilen merke ich, wie die Waden anfangen zu krampfen. Ich sage Dirk Bescheid. Sofort anhalten. Ich bin dehydriert. 2 Flaschen Infusion und es geht weiter.

Ich kann nach wie vor nicht essen und trinken. Nach jedem Schluck wird mir übel. Die Hitze ist mörderisch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder dehydriert bin. Ich sage im Pacecar Bescheid, sie sollen das Motorhome zurückholen. Ich brauche dringend weitere Infusionen. Wir hatten nur 2 mitgenommen und diese waren verbraucht. Es ist mittlerweile 21:00 Uhr Racetime (18:00 Uhr Ortszeit). Ich wechsle die Schuhe, den Sattel und die Pedale und fahre weiter. Wo bleibt nur das MH? Ich kann weiterhin nichts essen und trinken. Bei jedem entgegenkommenden Auto bete ich, dass es das MH ist. Mir geht es richtig schlecht. Das kann doch nicht schon das Ende sein. Zu allem Überfluss meldet sich meine Bronchitis zurück. Endlich, um 22:05 Uhr kommt das MH. Ich bin total dehydriert, kann von Krämpfen geplagt kaum vom Rad steigen. 1 Liter Infusion und eine Ruhepause von 1,5 Stunden helfen mir wieder auf die Beine. Dirk rät mir, ein Antibiotikum gegen die Bronchitis einzunehmen. In dieser Situation bleibt mir keine andere Wahl. Um 23:45 Uhr geht es weiter. Um 1:00 Uhr haben wir TS 4 Blythe erreicht. Kurze 10 Minuten Pause. Mir geht es wieder besser. Die Infusionen haben geholfen. Ich bin wieder im Rennen. Jetzt habe ich Zeit um nachzudenken. Wie konnte das passieren? Mein Magen hatte total zugemacht und jegliche Nahrungsaufnahme verweigert.

Dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Ich hatte in den ersten Stunden zuviel Kohlehydrate zu mir genommen. Zwei von mir am Abend vorher gemischte Flaschen mit Kohlehydraten sind bei der Berechnung der zugeführten KH nicht berücksichtigt worden. Ein fataler Fehler, der fast das Ende bedeutet hätte. Ein Beweis dafür, dass schon kleinste Fehler das Ende des Rennens bedeuten können. Ein weiterer Umstand der mir jetzt bewusst wurde, beschäftigt mich. In Blythe war es hektisch und ich hatte vielleicht nicht registriert, was alles um mich herum ablief. Eines wurde mir jetzt bewusst. Ich hatte Tina während der ganzen Zeit nicht gesehen. Alle waren sehr besorgt um mich und ständig bei mir. Nur Tina nicht. Es musste irgendetwas passiert sein. Ich fragte nach. „ Wo ist Tina ?“ Mein Team wollte unangenehme Nachrichten von mir fern halten und hatte mir deshalb nicht gesagt, dass Tina im Krankenhaus liegt. Sie ist ebenfalls dehydriert und muss behandelt werden. Das Team im MH holt sie wieder ab und an der nächsten TS 6 in Congress, Arizona, sind wir alle wieder komplett. Die erste Nacht ist überstanden, der erste Platten geflickt, die ersten 544 KM gefahren

Einer der schönsten StreckenabschnitteDer nächste Abschnitt von Congress nach Prescott ist einer der Schönsten des gesamten Rennens. Da es auf den nächsten 60 Km fast ständig bergauf geht, werden die Temperaturen immer angenehmer. Ich habe mich sehr gut erholt und kann am Berg ein recht gutes Tempo fahren. Der Vorsprung zu meinen Altersklassenkollegen wächst ständig an. Was mir zu diesem Zeitpunkt bereits etwas Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass mein Hintern relativ weh tut. An verschiedenen Stellen ist er bereits stark gerö tet. Nach einer schönen Abfahrt erreichen wir um 12:24 Uhr TS 7 Prescott. Hier überschlagen sich die Ereignisse, die die Zusammenarbeit zwischen mir und dem Team, im weiteren Verlauf, prägen. Die Situation stellt sich wie folgt dar:

Ich hatte vorher angekündigt, eine etwa 1 stündige Pausezu machen. Nach 26 Stunden im Sattel und 615 gefahrenen Kilometern sollte das etwas Erholung bringen. Im MH angekommen herrscht eine riesige Hektik. Ein amerikanisches Filmteam will filmen und ich muss ein Interview geben. Dirk legt mir eine Infusion an. Alles um mich herum ist Hektik pur. Ich weiß gar nicht warum. Ich habe den Eindruck, jeder ist mehr mit sich, als mit mir beschäftigt. Der Höhepunkt ist,dass das Pacecar nicht da ist, ich aber sofort weiterfahren will, da es mir durch die Infusion und Essen besser geht. Es wird für irgendwelche Besorgungen benutzt. Ich sitze da und fühle mich verlassen, was ich auch meinem Team in deutlicher Form sage. Ich bringe meine Erwartungen klar zum Ausdruck. Der Ablauf für die weiteren Stationen wird klar festgelegt. Wenn ich ins MH komme, bleiben alle, ausser Dirk,Tommy und Eva draussen. Erst wenn meine Grundversorgung gewährleistet ist, können die Anderen wieder ins MH. Ich bin stinksauer und mein Team bekommt dies auch zu spüren.

Nach 20 Minuten geht es dann weiter zur TS 8 nach Camp Verde.Das Wetter ist wunderbar. In der Höhe von 1900 Metern sind die Temperaturen erträglich. Jetzt, wieder alleine auf dem Rad, mache ich mir Gedanken. War ich gerecht? Habe ich die richtigen Worte gefunden? Hoffentlich habe ich keine unnötige Spannung ins Team gebracht. Auf der anderen Seite kann es so nicht weiter gehen. Nach ca. 48 KM folgt eine herrliche Abfahrt. Im Tal herrschen wieder Temperaturen von 38 Grad. Die nächsten 25 KM werden richtig brutal. Starker Verkehr, die grosse Hitze und meine steigenden Sitzprobleme, dazu 34 Stunden auf dem Rad, sind nicht spurlos an mir vorrübergegangen. Mit einem recht unguten Gefühl komme ich zur nächsten TS. Wie wird mein Team mich, nach den Ereignissen an der letzten TS, empfangen? Um Punkt 17:00 Uhr bin ich in Camp Verde. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ich habe ein wunderbares Team. Ich werde sehr herzlich empfangen. Dirk,Tommy und Eva warten bereits im MH. Der Rest bleibt draussen. Von da ab, klappt es wie am Schnürchen.

 

Bericht aus Eva’s, Tagebuch:

Von Camp Verde über Pine nach Heber

Die Strasse beginnt wieder anzusteigen und es ist noch sehr heiss. Sie windet sich höher und höher um den Berg, bis zu einem Hochplateau mit Viehweiden. Es wird langsam dunkel und die Temperaturen fallen. Wir sind auf 2400 Meter und erreichen die nä chste TS um 22:35 Uhr. Die Abfahrt nach Pine wird schon empfindlich kalt. Peter hat schon ziemliche Probleme mit seinem Hintern Dirk findet es in diesem frühen Stadium gar nicht gut, was mir einige Sorgen bereitet. Dirk versorgt den Hintern mit speziellem Pflaster. Um die Hoden herum ist auch alles stark gerötet und es zeigen sich erste Einrisse. Nichtsdestotrotz macht Peter sich unverzüglich in die Nacht. Es geht von Pine nach Heber Mit 1600 Höhenmetern auf 67 Meilen ist dieser Abschnitt recht anspruchsvoll. Wir übernehmen des MH und fahren vor. Wir duschen, essen und legen uns zur Ruhe. Um 4:10 Uhr werden wir brutal geweckt. Peter ist wieder da. Total durchgefroren und übermüdet will er jetzt 1 Stunde Pause machen. Vorher gibt es noch eine Infusion. Dabei wird er von einem amerikanischen Fernsehteam gefilmt und interviewed. Nach 1 Stunde will ich ihn wecken, aber er ist schon von alleine aufgewacht

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