24h-Rennen Schweiz

Samstag,08.08.2009 11:00 Uhr

Wir, Tina, Mark, Heiko und ich, haben gerade rechtzeitig unser luxuriöses Zelt(Bild Mitte) in Schötz aufgeschlagen, als es zu Regnen begann. Bei der Anreise am Freitag herrschten noch tropische Temperaturen von über 30 Grad. Noch 5 Stunden bis zum Start. Ich bin gar nicht motiviert, bei diesem Wetter aufs Rad zu steigen. Die Vorstellung, 24 Stunden zu fahren, lässt mir den kalten Schauer den Rücken herunterlaufen. Den anderen geht es ähnlich. Nur Mark scheint voll motiviert. Um 11:30 Uhr ist die Wettkampfbesprechung und anschließend gibt es noch eine Portion Nudeln und Mineralwasser. Es gießt wie aus Kannen. Um 14:00 Uhr beginnt das 24 Stundenrennen der Mountainbiker. Die sind noch ärmer dran bei dem Schlamm. Wir machen es ja alle freiwillig.

15:30 Uhr. Die Startaufstellung beginnt. Wir haben entschieden, dass Mark mit mir startet. Nach dem Warmfahren platzieren wir uns im vorderen Bereich. Der Regen, der in der letzten halben Stunde nachgelassen hatte, beginnt pünktlich mit dem Start wieder heftiger zu werden. Glücklicherweise habe ich die Regenjacke wieder angezogen. Drei, zwei ,eins, Start. Die ersten 400 Meter sind neutralisiert. Dann geht es los. Das Tempo ist von Anfang an sehr hoch. Wir müssen höllisch aufpassen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Für Mark, als ehemaliger Rennfahrer, kein Problem. Ich weiß, dass ich 24 Stunden fahren muss. Meine Strategie ist darauf ausgelegt, solange wie möglich in der ersten Gruppe zu fahren, um in den ersten Stunden einen Vorsprung auf meine Mitstreiter in der Klasse Masters heraus zu fahren. Mark ist im Rennfieber. In dieser ersten Runde fährt er weitestgehend ganz vorne. Das Tempo ist sehr hoch und die ersten Fahrer verlieren sehr bald den Anschluss an die Spitze.

Die kritische Phase, um an der Spitze dran zu bleiben, ist im Bereich Start und Ziel. Hier gibt es eine 90 Grad Kurve und den typischen Zieharmonikaeffekt. Während vorne bereits beschleunigt wird, wird im hinteren Bereich noch gebremst. Nach der zweiten Runde ist es passiert. Ich habe den Anschluss verloren. Mark ist vor mir. Nach ca. 400 Metern bemerkt er, dass ich nicht hinter ihm bin. Er lässt sich zurückfallen um mir Windschatten zu geben. Da es, so wie mir, mehreren Fahrern ergeht, bildete sich eine zweite Gruppe. Niemand in dieser Gruppe will vorne fahren. So leistet Mark fast allein die nächsten Runden die Führungsarbeit. Er ist in sehr guter Form und ich muss ihn ab und zu bremsen, sonst würde er wohl alle Runden vorne fahren.

Nach 8 Runden ist der erste Wechsel geplant. Heiko ist an der Reihe. Auch er ist in guter Form und kann in dieser Phase des Rennes jedes Tempo mitgehen. Unsere Strategie ist, dass wir immer wenn möglich, mit der Spitzengruppe mitfahren. Kann ich das Tempo nicht mehr halten, werde ich unterstützt, indem mir Windschatten gegeben wird. Die Herausforderung besteht im Moment darin, Heiko ,der ja frisch ins Rennen kommt, etwas zu bremsen. Ich muss noch ca.22 Stunden fahren und weiß nicht, wie sich das Rennen entwickeln wird.

Nach 4 Stunden und 165 gefahrenen Kilometern ist Tina an der Reihe. Wir fahren nicht in der Spitzengruppe und keiner in der Gruppe, will vorne fahren. Also muss Tina ran. Nach 4 Stunden wird noch ein hohes Tempo gefahren. Tina fährt Anschlag und ich bemerke dies nicht und treibe sie noch an, schneller zu fahren. Im Windschatten lässt sich gut meckern. Wir beschließen, anstatt nach 8 Runden, bereits nach 6 Runden auf Mark zu wechseln. Er fährt zwei Runden. Dann steigt Tina wieder für zwei Runden ein, um danach wieder an Mark zu übergeben. Mittlerweile habe ich auf den Zweitplatzierten in meiner Kategorie eine Runde Vorsprung herausgefahren. Alles läuft nach Plan. Mark ist wieder bei mir. Unser Ablauf hat sich eingespielt. Ich fahre, wenn wir in einer Gruppe sind vor Mark. Gibt es ein Problem, ist Mark zur Stelle, um mir Windschatten zu geben.

23:30 Uhr. Wir sind in der Spitzengruppe. Mit hohem Tempo fahren wir durch die Nacht. Die Straßen sind abgetrocknet und es ist ein herrliches Gefühl, in der Dunkelheit, mit über 50 Km/Std. die letzten 4 Kilometer nach Schötz zu fahren. Im Start Ziel Bereich bleibe ich ganz vorne dran. Mark, der die ganze Zeit hinter mir fuhr, ist nicht zu sehen. Die Gruppe wurde gesprengt und ich war vorne dabei. Mark ist meiner Meinung nach in der zweiten Gruppe. Mir ist klar, dass er bei dem Tempo, das gefahren wird, nicht aufschließen kann. Da ich dieses Tempo auf Dauer nicht fahren kann, wird er früher oder später aufschließen. Am Ende der Runde, kurz vor Schötz, sehe ich, dass ein Krankenwagen am Rand steht und im Straßengraben jemand behandelt wird. Nach ca. 1 KM fahre ich mit der Spitze durch die Wechselzone und Heiko ruft mir zu „ Nach der Runde wird gewechselt“ Alles klar.

Mark ist immer noch nicht bei mir. Da ich nach wie vor mit der Spitze fahre, mache ich mir keine Gedanken. Wieder an der Stelle, an der der Krankenwagen stand angekommen, sehe ich, dass dieser noch da ist und im Wagen hantiert wurde. Ich denke mir noch, dass es den armen Kerl böse erwischt haben muss Bei Tempo 50, dass hier gefahren wird, ist dies auch kein Wunder. Als ich in den Wechselbereich komme, änderte sich die Situation schlagartig. Heiko ruft mir zu, dass er nicht wisse, wo Mark ist. Ich denke mich trifft der Schlag. In diesem Moment wird mir klar, wer dies im Krankenwagen nur sein kann. Ich halte an und wir beschließen, die Runde zu fahren und am Krankenwagen zu halten. Schreckliche Gedanken gehen mir durch den Kopf. Was war passiert? Wie geht es Mark? Endlich sind wir da. Der Krankenwagen steht noch. Mit zittrigen Beinen gehen wir zum Wagen. Tatsächlich liegt Mark auf der Trage. Blass, mit einer Halskrause versehen, liegt er da und rührt sich nicht. Ich klopfe ans Fenster und werde von der Krankenschwester an den begleitenden Arzt, der am Steuer sitzt, verwiesen. Diese paar Meter um das Auto herum sind für mich die Hölle. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Dann die erlösende Information. Mark ist ansprechbar. Die Situation ist nicht lebensbedrohlich. Er muss ins Krankenhaus zum Röntgen gebracht werden. Es besteht Verdacht auf einen Bruch in der Schulter und die rechte Hüfte schmerzt fürchterlich. Dazu natürlich die üblichen Schürfwunden. Der Helm ist komplett gebrochen. Nach kurzer Absprache mit dem Arzt, der uns sagt, dass wir uns keine Sorgen machen brauchen, geht es weiter in die Nacht. Ich bin jetzt doch beruhigt. Die letzten Minuten waren sehr stressig.

Der nächste Wechsel steht an. Heiko ist super gefahren und mein Vorsprung stetig angewachsen. Die Nacht ist frisch, jedoch nicht zu kalt, so dass ein Stopp zum umzuziehen nicht notwendig ist. Zwischen 19 und 20 Uhr hatte es aufgehört zu regnen. Von Runde zu Runde trockneten die Kleider. Meine Verpflegung, die ich ausschließlich auf dem Rad zu mir nehme, lässt nichts zu wünschen übrig. Tina und Heiko stellten sich als wahre Sterneköche heraus. Ob Nudelsuppe oder Kartoffeln, belegte Brötchen, Bananen oder Baguettes. Auch Gels und Riegel werden gereicht. Dazu Wasser, Apfelschorle oder auch mal ein Powerdrink. Das Wechseln der Brillen von Nacht auf Tag klappt ebenso gut wie das Ablegen der Regenjacke.

Zusätzlich werde ich immer über den aktuellen Stand des Rennens informiert. Da läuft es ganz nach Plan. 7 Stunden vor Ende des Rennens habe ich zwei Runden Vorsprung vor dem Zweitplatzierten. Kurz danach fuhren Heiko und ich in eine Gruppe auf. Die Nummern 109 und 111 sind in dieser Gruppe. Perfekt. Es ist der Zweit‐und Drittplatzierte in meiner Kategorie. Jetzt kann ich das Rennen kontrollieren.

Am Anfang des Rennens denkt man an die Platzierung und nicht daran, wie viele Stunden man im Sattel sitzen muss. Im ersten Drittel steckt man im Rennfieber. Zeit und Rennende sind nicht relevant. Mit der aufsteigenden Müdigkeit, die von Runde zu Runde immer gegenwärtiger wird, fängt man an, in noch zu fahrende Stunden zu denken. „Wenn die Sonne aufgegangen ist, sind es nur noch 9 Stunden“. Ab 12:00 Uhr fängt man an, die noch zu fahrenden Runden zu zählen. Bei der z.Zt. gefahrenen Geschwindigkeit sind es noch 15. Der erste Platz in der Altersklasse ist mir nur noch durch eine Verletzung zu nehmen. Heiko, der z.Zt. bei mir ist, fährt,dafür ,dass er schon vor 2 Stunden von einer großen Müdigkeit sprach, super gut. Ich muss ihn sogar hier und da ein wenig bremsen. Ich habe entschieden, nur noch auf Halten der Führungsposition zu fahren. Eine Attacke meines Konkurrenten können wir locker parieren. Bei einer Attacke meinerseits, bleibt er ebenfalls dran. Noch 7 Runden, dann bin ich nicht mehr einholbar. Die verbleibende Zeit ist ausreichend. Was kann da noch passieren? Wir halten kurz an, da ich pinkeln muss. Beim ausklicken aus dem Pedal, durchfährt ein brennender Schmerz mein linkes Knie. Ich verspüre große Schmerzen und kann im Moment kaum auftreten. Also setze ich mich aufs Rad und versuche loszufahren. Die Schmerzen sind so groß, dass ich nicht pedalieren kann, geschweige denn Druck aufs Pedal bringe. Nur mit dem rechten Bein tretend und mit der Hilfe von Heiko, kommen wir weiter. Drei, vier Kilometer und ich kann wieder leicht pedalieren. Jetzt kommt ein kleiner Anstieg. Nur etwa 600 m lang. Wenn ich da oben bin, geht es 4 Kilometer bis Schötz leicht bergab. Geschafft. Locker pedalieren. Die Schmerzen lassen langsam nach. Nicht denken, nur treten. In Schötz sind es nur noch 6 Runden zum Sieg. So baue ich mich auf. Noch eine Runde mit Heiko, dann die letzten Runden mit Tina. Noch 5 Runden.

Das Feld jagt an uns vorbei. Wahnsinn, was da noch ein Tempo gefahren wird. Später sehen wir dann, dass das Siegerteam 103 Runden gefahren ist. Neuer Rekord. Noch 3 „ Pflichtrunden“. Die Schmerzen sind latent vorhanden, aber erträglich. Tina sagt: „Schmerzen vergehen, der Ruhm bleibt“. Jetzt ist mir der Sieg kaum noch zu nehmen. Wir genießen die letzten Runden. Noch eine Runde. Heiko, der im Wechselbereich sitzt, hebt siegessicher den Daumen nach oben. 15:Uhr 34 Minuten. Es ist geschafft.

Ich kann nicht mehr ein‐ bzw. überholt werden. Zufriedenheit und Dankbarkeit sind die vorherrschenden Gefühle. Wir können noch 2 Runden fahren. Ich sage zu Tina, die, wie Mark und Heiko, einen super Job gemacht hat, dass dies wohl mein letztes Rennen über so eine lange Distanz gewesen ist. Sie rät mir, die letzte Runde zu genießen und die Atmosphäre aufzusaugen. Die am Straßenrand stehenden Zuschauer applaudieren. Die Sonne scheint vom fast wolkenlosen Himmel. Fast bin ich, trotz der natürlich spürbaren Müdigkeit traurig, dass es vorbei ist. Wir hatten großes Glück, dass Mark seinen Unfall so gut überstanden hat. Während ich des Schreibe, weiß ich, dass es ihm gut geht. Das ist im Endeffekt das Wichtigste.

Auszug aus dem „ Willisauer Boten „

Deutscher Sieger bei den Masters

Der Deutsche Peter Holy aus Lohnsfeld setzte sich bereits sehr früh mit einer Runde Vorsprung an die Spitze des Klassements. Alois Gruber aus Herbriggen blieb ihm aber stetig auf den Fersen und erst am frühen Morgen musste er einen weiteren Rundengewinn von Holy zulassen. Von da an verteidigte Peter Holy seinen 2 Runden‐Vorsprung und gewann das Rennen mit 810.2 km vor Alois Gruber mit 790.4 km und Heinz Kaufmann mit 741 km.

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